Die Ontrei-Malinen-Kantele-Straße

Diese neue Route, auf Finnisch Ontrei Malisen kannel -reitti, kreuzt sich mit der Straße der Lieder und der Grenze (Runon ja Rajan tie) und gehört administrativ ebenso zur Via Karelia. Sie eignet sich vor allem für Individualreisende und bietet aufschlussreiche Einblicke in die Kultur und die Lebensweise jenseits der Grenze, die in vielerlei Hinsicht mit der finnischen Gesellschaft verbunden sind.

Die Route führt von Kajaani über Sotkamo und den Grenzübergang Vartius bis ins russische Kostomukscha (fi. Kostamus) und verfolgt die Spuren von Elias Lönnrot (1802-1884), dem Schöpfer des finnischen Nationalepos Kalevala, und von vielen anderen Sammlern karelischer Volksdichtung auf dem Weg zu ihren wichtigsten Fundorten. Genau diese Landstriche bannte Into Konrad Inha (1865-1930), ein zu den finnischen Klassikern gehörender Fotograf, Ende des 19. Jahrhunderts auf die Platte. Seine Fotografien aus Weißmeerkarelien stellte er in zwei Bänden über das "Runensängerland" des Kalevala zusammen.

Auch in den letzten Jahrzehnten sind in Finnland etliche, zum Teil preisgekrönte Bücher über Weißmeerkarelien erschienen, die aber leider bisher ebenfalls nicht auf Deutsch erhältlich sind, z.B. der Fotoband "Karjala-nostalgia" (Karelien-Nostalgie) von Lauri Haataja und dem Fotografen Martti Lintunen (1990) oder das Buch "Viena, kiusattu unelmien maa" (Weißmeerkarelien, das gepeinigte Land der Träume) von Rauno Meriö mit Fotos von Antti Bengts (1991). Auf ihren Reportagereisen besuchten sie dieselben Dörfer.

Die Ferienstraße hat übrigens auch eine eigene Website unter der Adresse www.ontrei.fi. Dort finden Sie detaillierte Auskünfte über das Dienstleistungsangebot für Individualreisende, auch auf Deutsch.

Hier zwei gute Tipps für Individualreisende, die mit dem Auto unterwegs sind: Wenn Sie das Leben vor Ort kennen lernen möchten, so sollten Sie unbedingt versuchen, eine Privatunterkunft zu finden. Sehenswürdigkeiten im engeren Sinn gibt es an dieser Ferienstraße nämlich eigentlich nur ganz wenige. Wirklich eindrucksvolle Orte, auch für Fußwanderer, sind der Paanajärvi, ein See auf der russisch-karelischen Seite nahe der finnischen Grenze, und der Jyskyjärvi, ebenfalls ein russisch-karelischer See mit dem russischen Namen Yushkozero. An beiden gibt es allerdings kein Hotel. Erwähnenswert sind auch Uhtua, der alte Mittelpunkt des Liedergebietes, heute Kalevala genannt, sowie Vuokkiniemi. Beide sind auch jetzt noch das ganze Jahr über bewohnte lebendige Dörfer. In Kalevala gibt es außerdem zwei ganz ordentliche Hotels.

Der zweite Tipp betrifft den Straßenzustand. Auf der Karte sehen die Entfernungen nicht groß aus und man denkt leicht, dass man diese gerade genannten Dörfer von Kostomukscha aus in einem Tag schafft. Schafft man aber nicht. An vielen Stellen kann man von Glück reden, wenn man mit dem PKW eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h erreicht. Wenn etwas passiert, so muss man wissen, dass an diesen Strecken durch die Wildnis niemand wohnt, dass der Verkehr sehr spärlich ist und dass es oft auch keinen Handyempfang gibt. Hier hilft es, ganz entspannt zu bleiben. Es gibt nämlich trotz allem nichts, wovor man Angst zu haben brauchte. Die Menschen in der Region sind nett und gastfreundlich.

Aber warum führt diese Ferienstraße gerade von Kajaani aus nach Weißmeerkarelien? Genau das war die Route, die Lönnrot hauptsächlich auf seinen Sammelreisen wählte – natürlich nicht auf jeder von ihnen, die zum Teil sogar Jahre dauerten. Als er das finnische Nationalepos schuf, wirkte Lönnrot als Kreisarzt in Kajaani. Deshalb verfasste er die zentralen Teile des Kalevala hier; der größte Teil der Lieder stammt aber aus den Weißmeerdörfern.

Der Mann, nach dem die Ferienstraße benannt ist, Ontrei Malinen (1777-1855), war einer der ganz großen Vertreter der karelischen Volksdichtung. Er hat seine Lieder auch auf einer von ihm selbst gebauten Kantele begleitet, die später, in den 1870er Jahren, von dem finnischen Musikwissenschaftler A. A. Borenius für das Finnische Nationalmuseum angekauft wurde. Lönnrot hat, wie er in seiner Reisebeschreibung erzählt, Malinen auch selbst auf dieser Kantele spielen hören.

Das Instrument war über Jahrzehnte verschollen, wurde aber vor ein paar Jahren in den Lagerräumen des Nationalmuseums wiedergefunden. Die in Kuhmo beheimatete Juminkeko-Stiftung bringt Ontreis Kantele symbolisch wieder nach Weißmeerkarelien zurück, indem sie dort Kantelewerkstätten gründet, Unterricht im Kantelespiel veranstaltet und die Entwicklung dieser Ferienstraße mit der Kantele im Namen fördert.